Die Uhr tickt…
07. Dezember 2009 von RenéGestern Abend roch die stehende Luft in der Bar schon fast ein wenig nach Abschied. Wie schon so oft, tat die Musik ihr übriges hinzu – ruhige aber schwere Klänge versetzten mich in eine zur Vorweihnachtszeit passende Besinnung.
Die Gedanken, was in 20 Tagen sein oder vielmehr was nicht mehr sein wird, trieben mich zur Frage, ob das Konzept CAFE SOL an anderer Stelle möglich wäre. Der Play-Knopf für eine Reise durch die vergangenen Jahre war gedrückt. Getreu dem Motto „himmelhochjauchzendzutodebetrübt“ erinnerte ich mich an unfassbar schöne Momente wie auch an solche, deren einmaliges Erleben völlig ausreicht. Kurzum, die Antwort auf die Ausgangsfrage lautet schlichtweg und einfach: „Jein!“
Primär gilt es zu analysieren, was diese Bar zu dem macht, was sie heute ist. Wie in unserer Branche so häufig, ist ein sehr starkes Argument die Lage. Das SOL liegt günstig unmittelbar vom Zentrum entfernt in Richtung See mit naher Parkmöglichkeit. Zudem befruchten zwei angrenzende Restaurants den Standort zu einem Gastro-Hotspot. Klarer Minuspunkt für einen Umzug. Was aber noch macht den Laden einzigartig? Ist es das Ambiente? Die Musik? Die Biermarke?
Bevor ich mich überhaupt erst auf Details einlasse, ein ganz klares Statement: Die Leute sind es! Damit meine ich natürlich die Barmaids und Bartender, mindestens jedoch genauso die Gäste, die Leben in den Laden bringen. Folglich müsste der Laden samt Gästen den Ort wechseln, was mir schier unmöglich scheint. Ein Weg müsste gefunden werden, an einer neuen Location ein ähnlich buntes Konglomerat an Menschen anzuziehen – wieder ein Minus (ein Erfahrungsbericht der Schumann’s Bar hins. ihres Umzugs von der Maximilianstraße an den Odeonsplatz vor Jahren wäre an dieser Stelle aufschlussreich).
Was aber noch zählt zu den Stärken der Bar? Ganz einfach, das Zauberwort heißt ‚Gastfreundschaft‘ – der Weg, Energie in etwas hineinzustecken, damit ein Gast mit mindestens genauso gutem oder noch besserem Gefühl verabschiedet wird wie er gekommen ist. Und damit sind wir beim Team angelangt. Denn je nachdem, wie stark dieses Leitmotiv in einem Team verankert ist, so erfolgreich wird auch ein Laden sein. Stimmt diese Basis, entwickelt sich die Umsetzung von ganz allein. Was danach passiert sind „lediglich“ Methoden, Ausprägungen einer Denkhaltung. Wie man Menschen begeistert, dafür gibt es unzählige Beispiele – entscheidend ist, dass man es macht!
Eine gewisse Denkhaltung hatten wir, definitiv! Stets wollten wir einen Schritt weiter gehen, kein Aufwand war uns zu groß. Alles, wirklich jede Kleinigkeit wurde hinterfragt, inwieweit es der Sache diene und wo man es optimieren könne - im Rahmen der Gegebenheiten versteht sich. Keinesfalls möchte ich hier etwas blanker polieren, als es ist. Das CAFE SOL war keine Fünfsterne-Hotelbar, keineswegs. Weder ging es hier um Louis XIII. noch waren nach Schichtende die Säbel vom vielen Champagnerflaschen-Öffnen stumpf. Auch unsere Fingerhut-Eiswürfelmaschine war nie das Ideal, und doch existiert sie noch heute. Diese Bar war echt und doch auch Illusion, nie ganz einzuordnen, zwischen bedacht zubereiteten Drinks und House-Sound der lauten Sorte.
Eigenheiten lassen sich, wenngleich auch äußerst schwer, am eigenen Leibe feststellen. Jetzt, wo das Schiff beinahe im Hafen, ist die introspektive Sichtweise eine wesentlich leichtere. Man kann eher loslassen und über vieles gelassen schmunzeln. Denn immerhin ist der Hang zum Perfektionismus auch eine Bürde. Das fängt beim eigenen Arbeitsstil an und geht bis zum starren Willen, den Gast vom Weißbier abzubringen. Klar, mein Ziel wäre immer eine Bar voll mit Daiquiri-, Gin Fizz- und Negroni-Trinkern gewesen,nur mit den Gästen, die der Laden anzog, nicht möglich. Dazu ist besagtes Bier viel zu stark in der Gewohnheit verwurzelt, auch wenn ich die Bewegung in Richtung Bierkühlschrank teilweise gehasst habe. Inzwischen habe ich selbst durch eine Begebenheit vor einigen Wochen ein ‚Weizen‘ verkostet und für gut befunden. Vielleicht sollte man Dinge oft nicht zu eng betrachten (vor allem, wenn man ein Weißbier anbietet, sollte man sich nicht ärgern, wenn es auch noch jemand bestellt). Das war ursprünglich eine bedeutende Präferenz unseres Teams. Wir waren großteils branchenfremd und zudem in der Provinz unterwegs. Beides half in vielerlei Hinsicht, weniger Gesetzmäßigkeiten zu unterliegen und damit der eigenen Kreativität viel Spielraum zu verleihen und Dinge anders zu machen.
Schön, welche Erinnerungen man aus einer solchen Zeit mitnehmen kann. Genauso schön und wichtig aber auch, worüber man sich geärgert hat. Zeigt so etwas schließlich immer klar auf, wie man selbst tickt und wo die eigene Gesinnung liegt. So habe ich gerne Würgreize, wenn Fachkollegen Gäste mit der fragenden Nennung ihres Lieblingsgetränks begrüßen – meist noch vor der namentlichen Anrede von einer grüßenden Geste ganz zu schweigen. Auch stößt es mir unangenehm auf, wenn in unserer Branche das Up-Selling auf die Spitze getrieben wird, auf Kosten des unwissenden Gastes. In diesen Fällen zeigt eine solche körpereigene Reaktion, wie wichtig mir selbst das Respektieren von entgegengebrachten Vertrauensvorschüssen war und ist.
Bitte jetzt nicht falsch verstehen – ich habe keine Abneigung dem Geldverdienen! Doch sauber und ehrlich hab ich’s gern!
Dank an dieser Stelle allen, die uns Vertrauen entgegengebracht haben und den Laden am Laufen hielten

08. Dezember 2009 at 09:13
Ich liebe schöne Worte wie Diese … von der schönsten Sorte.
Ich will mich kurz fassen!
YOU MADE MY DAY!
Danke!
Paul